Kirchzarten-Burg

Birkenhofscheune

Das lang leer stehende Gebäude war kurz vor dem Abriß gestanden. Domiziel leitet hier den gesamten Umbau und baut das denkmalgeschützte Gebäude unter Berücksichtigung der historischen Substanz um. Es entsteht eine Wohngemeinschaft für acht demenziell erkrankte Menschen, vier barrierefreie Wohnungen für behinderte Menschen und weitere fünf Wohnungen für Familien. Im Erdgeschoß entsteht ein Gewerberaum für die behinderten Bewohner.

Ein Blick in die Vergangenheit

Die Birkenhofscheune, um 1797 erbaut, ist eines der größten bekannten Gebäude, die in der Tradition des Schwarzwälder Bauernhauses, des Holzständerbaus, errichtet wurden. In dieser Zeit ging man, vor allem aus Gründen des Brandschutzes, schon mehr und mehr dazu über, Außenwände aus Stein zu mauern. Dagegen steht die Birkenhofscheune am Ende einer jahrhunderte­langen Entwicklung der traditionellen Holzbauweise. Vor diesem reichen Erfahrungshintergrund waren deshalb ihre Konstruktion, Nutzung und Gestaltung optimal auf­einander abgestimmt. Aus Sicht des Denkmalschutzes ist die Scheune von herausragender Bedeutung.Neben dem Jahr der Fertigstellung ist aus der erhaltenen Gebäudeinschrift ablesbar, dass es sich um ein Privatgebäude handelte, das mit dem gegen­überliegenden Gasthaus eine funktionale Einheit bildete. Die Scheune war für landwirtschaftliche Nutzung vor­gesehen. Sie war für damalige Verhältnisse ungewöhnlich groß. Genutzt wurde sie in erster Linie als Kuhstall, Tenne und Heulager, sie beinhaltete daneben auch einige „Knechtskammern“. Ob sie als Vorspannstation für die steilen Schwarzwaldaufstiege genutzt wurde, lässt sich bis heute nicht eindeutig feststellen.Die Bauanalyse wurde von Dipl.-Ing. Stefan King aus Freiburg durchgeführt. Das mächtige und seine Umgebung prägende Gebäude war aufgrund vieler gesellschaftlicher und technischer ­Entwicklungen bedeutungslos geworden, es diente jahrelang als Abstell­lager. Es wurde nicht mehr unterhalten und verfiel langsam.

Nordfassade der Birkenhofscheune vor der Sanierung

Ungenutzt – Umgenutzt

Beispiel einer denkmalgerechten Sanierung­

Scheunen wie die Birkenhofscheune stellen eine große Herausforderung an den Erhalt. Einerseits soll der Charakter der Scheune bestehen bleiben, anderer­seits muss eine neue Nutzung gefunden werden, da eine Sanierung für eine weitere Verwendung als ­Lagerscheune mangels Bedarf nicht wirtschaftlich ist. Dieser Zwiespalt erscheint fast unüber­brückbar.Die Fragestellung ist: Wie schafft man es trotz neuer Nutzungsschwerpunkte die früheren Funktionen erkennbar zu lassen. Daher haben wir die Sanierung der Birkenhofscheune mit einer, für die Sanierung von Scheunen, bisher neuen Methode gewagt.

Nordfassade des Gebäudes nach der Sanierung

Erhalt der historischen Substanz im Innenausbau

Klassisch wurden Scheunen bisher im Holz- und ­Trockenbau saniert, das heißt, defekte Holzteile wurden repariert und ersetzt, um dann, aus Gründen des Brand- und Schallschutzes, in weiten Teilen verkleidet zu werden. Dabei geht meistens ein Großteil der historischen Substanz verloren, weil die Alt­substanz den statischen Ansprüchen nicht mehr genügt. Bei der Birkenhofscheune wären dies über 40 % der tragenden Holzsubstanz gewesen, da sie durch Setzungen und Verformungen im Laufe der Jahrhunderte einsturzgefährdet war.

Wir haben uns deshalb dafür entschieden, den Holzbau unangetastet zu lassen und neben die alte Holzkonstruktion einen Massivbau zu stellen, der die Last des Daches neu abfängt und zusätzlich höchste ­Qualität an den Brand – und Schallschutz erfüllt. Es wurde hierdurch möglich, den historischen Altbau fast zu hundert Prozent zu erhalten und weiterhin sichtbar zu belassen. Wenn man heute durch die Birkenhofscheune geht, sieht man die historischen Stallwände, alte Futtertröge, die alten Holzdecken, alte Türen, die gesamte Dachkonstruktion und vieles mehr. Durch ­diese Art der Sanierung ist es möglich, die alte Nutzung ablesbar zu lassen. Das Innere der „Birke“ bezieht seine Spannung aus dem Zusammenspiel von Glas, Stahl und ­Beton mit der fast überall sichtbaren ursprünglichen Holz­­konstruktion. Gleichzeitig wird durch den Einsatz moderner Baumaterialien ein Höchstmaß an alter ­Substanz erhalten, und zwar in ihrem originären ­Zustand mit all den Gebrauchs- und Ver­brauchsspuren. Das Gebäude darf sein Alter zeigen und wird nicht in einen historisierenden Status quo gezwungen. Die Symbiose zwischen modernen Bau­materialien und der alten, fragilen Substanz gibt der „Birke“ Lebendigkeit und Authentizität. Wie sehr der Zahn der Zeit im wahrsten Sinne des Wortes an der Birke bereits genagt hat, ist für jeden deutlich ­erkennbar.

Neue Belichtungselemente im Dach zeigen den Umbau im 21. Jahrhundert und dienen der Belichtung des 16 Meter tiefen Baukörpers.

Die Außensanierung

Auch bei der Sanierung der Fassade war der Grundsatz, soviel wie möglich zu erhalten. Die Eingriffe, die aufgrund der neuen Nutzung nötig waren, wurden in den zweihundert Jahre alten Baukörper harmonisch eingefügt, andererseits deutlich nach außen trans­parent gemacht. So wurde die Holzfassade erhalten und durch Fensterelemente in Teilen ersetzt. Die Fenster wurden bewusst als Flächenverglasungen gewählt, da die Birkenhofscheune keine Wohnnutzung enthielt und Sprossenfenster einen falschen Eindruck erweckt hätten. Die Verglasungselemente wurden an die Stelle der Brettfüllungen eingesetzt oder in die historischen Türöffnungen eingefügt. Hausecken wurden teilweise im historischen Erscheinungsbild erhalten, um zu zeigen, wie die Scheune früher im Gesamtbild gewirkt hat. Dies kann man im süd-östlichen Teil sehen.

Das Obergeschoss im südwestlichen Teil des Gebäudes wurde immer als Trockenraum genutzt, die Ver­glasung zeigt die vor der Sanierung offenen Gebäudeteile in der Fassade.

Im süd-westlichen Teil war die Scheune nie geschlossen, da sich hier ein Trocken– und Lüftungsraum befand, die Fensterelemente stellen hier also die früheren Öffnungen dar. Eingangs- und Belichtungselemente wurden in frühere Tür- und Toröffnungen eingefügt. Die Verglasung des Dachvorsprungs war notwendig, um die Belichtung der 16 Meter tiefen Scheune zu ermöglichen, auch hier hat man diese nicht um die Hausecken geführt, um zu zeigen, wie der Dach­vorsprung ursprünglich gewirkt hat. Die durchgehende Gaube auf dem Dach wurde notwendig, um eine Wohnnutzung zu ermöglichen. Entgegen früherer Planungen, in denen zwei Gaubenreihen ­vor­gesehen waren, hat man nun diese auf eine reduziert und auf eine volle Ausnutzung der Geschosse verzichtet. Die Gaube wurde modern, wie auch die Tonnengaube auf dem Walm, gestaltet. Sie hat jedoch die ­gleichen Proportionen wie die alten Lüftungs­gauben. An diesen Veränderungen wird klar der Umbau im 21. Jahr­hundert erkennbar.

Die historische Holzfassade, hier die Dachuntersicht, wurden in alter Handwerkstechnik saniert und vollständig erhalten.

Alte Bausubstanz – modernste Technik

Der Wärmeschutz und die Technik im Haus entsprechen modernsten Anforderungen. Die Birkenhofscheune ist ein „KW–40–Haus“ und unterschreitet damit weit den Wärmeschutzstandard von üblichen Neubauten. Das Regenwasser wird gesammelt und für die Toilettenspülung und den Garten verwendet. Die Baumaterialien wurden nach baubiologischen Standards ausgewählt. Die Birkenhofscheune ist somit ein gelungenes Beispiel für die Revitalisierung eines vom Abriss bedrohten Bauwerks. Und wir glauben, sie ist mehr, sie ist ein Beispiel, wie man mit Phantasie und Freude an alter Handwerkskunst ein Denkmal bewahren kann, ohne es zu zerstören. Der Archetypus Scheune wird gewahrt, ohne in die Gefahr einer falschen Inszenierung zu geraten. Das mächtige und seine Umgebung prägende Gebäude war aufgrund vieler gesellschaftlicher und technischer Entwicklungen bedeutungslos geworden. Jetzt hat die altehrwürdige Holzkonstruktion eine neue Nutzung bekommen, und das sieht man ihr an. In diesem Sinne ist die „Birke“ im 21. Jahrhundert angekommen: Ein denkwürdiges Denkmal, das neue Standards setzt. Nicht zuletzt möchten wir die geleistete Handwerkskunst aller am Bau beschäftigen Personen hervor­heben. Die höchste Qualität der Sanierung der ­Birkenhofscheune wurde möglich durch die daran beteiligten Handwerksbetriebe. Hierfür gilt Ihnen unser aufrichtiger Dank und höchste Anerkennung.